»The Mossy Tree«

Eine Grafik von Hercules Seghers (*um 1590; † um 1638).
Ein Gedicht von Li Bai (*701; † 762).
Komposition aus Papercut, Baunetzen und Kalligrafie (am 14. November 2018).

Die Idee, zwei sehr unterschiedliche alte Meister zu einem Gespräch ins tête einzuladen, kam mir durch folgende Geschichte: Netty Reiling alias Anna Seghers nahm nach Beendigung ihrer Dissertation »Jude und Judentum im Werk Rembrandts« den Nachnamen von Hercules Seghers, ein Künstler und Zeitgenosse Rembrandts, an. Dadurch holte sie diesen Künstler aus der Verborgenheit der Kunstgeschichte in die Gegenwart. Ein besonderer Akt der Wiederbelebung, der mir gefiel.
Im Internet fand ich die Grafik »The Mossy Tree« von Hercules Seghers, eine 12cm hohe, colorierte Radierung. Der Mensch Seghers wird als Einzelgänger, Mystiker, als wenig erfolgreicher künstlerischer Querdenker und Phantast beschrieben. Er experimentierte mit Druckfarben und -bögen, überarbeitete Drucke mit Wasser- und Ölfarben, zur damaligen Zeit ein No-Go. Die wenigen erhaltenen Werke zeigen fantastische Berglandschaften, doch nachweislich hatte er Holland nie verlassen. Und auch zu seiner Zeit gab es in dieser Region keine bemoosten Bäume. Die kommen nur in den Bergen vor.

Im Lesesaal des Kupferstichkabinett Berlin fand ich 8 weitere grafische Blätter. Von allen Grafiken geht etwas Magisches aus.
Der bemooste Baum erinnert mich an fließendes Wasser, an Linien in der chinesischen Tuschemalerei, an Kalligrafie. Zur Zeit meiner Seghers-Entdeckung übte ich die Kalligrafie »Herbstgedicht« von Li Bai, einem der größten lyrischen Dichter der Tang Dynastie und ebenfalls ein Mystiker. Mit dem Magisch-Mystischen beider Künstler wollte ich mich verbinden.

Ich arbeitete 12 Tage vor Ort, experimentierte, suchte nach Verbindungen zwischen den Werken der alten Künstler und meine eigenen Ansätzen.

Am 14.11.2018 zeigte ich für 12h die Installation »The Mossy Tree«, zur gleichen Zeit lief in den deutschen Kinos die Verfilmung von Anna Seghers bekanntesten Roman »Transit«.

 

Herbstgedicht

Am Herbstsee sieht man viele weiße Affen.
Fliegende Schneeflocken, hüpfen, wippen.
Von hohen Ästen zieht es die Wichte.
Im Herbst zum Wasser, am Mond zu nippen.
Li Bai


Das Haus in dem ich wohne, war viele Monate mit grünen Bau-Netzen verhangen. Sie tauchten die Räume unserer Wohnung in ein sanftes, moosiges Licht. Ich wollte den Barock über die vergrößerte Grafik zitieren, er sollte aber auch im gesamten Raum anwesend sein. Also nahm ich diese Netze und verhüllte die fast 5m hohen Wände des tête damit. Die grüne Üppigkeit und faltige Fülle der Gewebebahnen verwandelten den Raum nicht nur in eine barocke Kulisse, sondern ließen auch die Stimmung aus dem Herbstgedicht von Li Bai lebendig werden.

In der asiatischen Kunst gehört es zur Tradition, ein Kunstwerk mittels verschiedener Techniken, z.b. dem Holz- und Scherenschnitt, als Kopien zu vervielfätigen. Die in Photoshop bearbeitete Baumgrafik wurde in 210facher Vergrößerung ausgedruckt. Ich schnitt die filigranen Schwarzflächen aus. Um den Scherenschnitt zu stabilisieren, ließ ich schwarzen "Stege" stehen. So entstand ein feines Netz, dass sich über die gesamte Fläche legt und wie eine neue Form der Verwachsung oder Verflechtung wirkt.
Im großen »Mossy Tree« vereinigen sich der feuchte, holländische Nebel mit dem herbstlichen Mondlicht an einem chinesischen See.

 

Work in Progress

Aus der Ordnung der Ausstellung entstanden an anderer Stelle durch die Verarbeitung der "Reste", des "Abfalls", neue, lebendige, chaotische Formen. Die ausgeschnittenen schwarzen Scherenschnittschnipsel verwandeln sich auf einem weißen Bogen Papier zu leicht dahinfliegenden Zeichen.
Auf dem Bild in der Mitte umkreisen die schwarzen Linien die Stellen, wo der "Abfall" lag und mit seinen geschwungenen Formen die Dynamik der Linien vorgab.

Das letzte Bild ist ein Versuch eine Segherssche Landschaft nachzubilden — mit Sepia-Tusche und Papercut-Resten, die nur durch dünne Tapestreifen auf dem Reispapier fixiert sind. Wie ein Netz halten sie die Formen auf dem Papier fest.


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